NRZ vom 29.03.2006: Rückschritt auf Zeit

INGO BLAZEJEWSKI SARAH HUBRICH POSSE: Das Hin und Her um die Weststraße geht weiter: Jetzt wird die Vollsperrung wieder auf- gehoben, zwei Schweller und ein “Schilderwald” installiert. Anwohner reagieren mit Unverständnis. HILDEN. Die Unternehmer haben das Tauziehen um die Sperrung der Weststraße gewonnen, die vom Verkehr geplagten Anwohner saßen offenbar am kürzeren Hebel. Eine knappe Mehrheit im Hauptausschuss hat endgültig entschieden: Die Vollsperrung der Weststraße wird wieder aufgehoben (die NRZ berichtete). Eine Testphase von einem halben Jahr soll jetzt zeigen, ob eine Reihe von verkehrstechnischen Änderungen die umstrittene Situation auf der engen Straße lösen kann. Die Spielstraße darf künftig nur noch von der Düsseldorfer Straße aus als Einbahnstraße befahren werden, auf dem 80 Meter langen Anwohner-Teilstück werden zwei “Schweller” aufgepflastert, die zur Schrittgeschwindigkeit zwingen sollen. Lastern über 3,5 Tonnen bleibt die Einfahrt verwehrt. Das ganze soll den Autofahrern ein “Schilderwald” an der Straßeneinfahrt deutlich machen. Schweller und Schilder würden “zügig in den kommenden 14 Tagen” installiert, erklärte Tiefbauamtsleiter Harald Mittmann auf Nachfrage. Die Anwohner sind alles andere als glücklich über die erneute Änderung. “Von uns kann keiner damit leben. Die Autos werden auch weiterhin hier durchbrettern”, ist Andrea Müller überzeugt. Ein Schweller werde direkt vor der Haustür der Familie platziert, womit der Lärmpegel wohl deutlich steigen dürfte. Für die politische Umkehr vom Durchfahrtverbot hat Thomas Müller wenig Verständnis: “Es gibt überhaupt keine neuen Argumente, die eine Aufhebung der Sperrung rechtfertigen.” Tatsächlich ist die Weststraße zum Politikum geworden, die ständig wechselnden Entscheidungen für Bürger kaum noch nachvollziehbar. Nachdem sich vor Monaten die Ratsmitglieder vor Ort umgesehen hatten und dabei ihr geparkter Kleinbus auf der engen Straße von einem Laster gerammt wurde, schlugen sie erschrocken über die massiven Tempo- und Durchfahrtsverstöße die Hände über dem Kopf zusammen. Als die Straße gesperrt war, liefen Gewerbetreibende dagegen Sturm, Unterschriften wurden auf beiden Seiten gesammelt, die Vollsperrung wackelte. Unternehmer, die wegen der Sperrung Sorgen um die Existenz ihres Betriebes äußerten, informierten den WDR, der seinen vierminütigen Beitrag mit Pro- und Kontra-Stimmen einen Tag vor dem Hauptausschuss im Lokal-Fernsehen sendete. CDU und FDP folgten den Klagen der Unternehmer, SPD, Grüne und dUH den Argumenten der Anwohner. Die Bürgeraktion wurde zum Zünglein an der Waage, schwenkte um und fand mit ihrem Vorschlag, den die Verwaltung jetzt umzusetzen hat, mit CDU und FDP eine Mehrheit. Damit muss auch wieder eine Linksabbiegerspur auf die Düsseldorfer Straße gebracht werden. Doch das werde noch einige Tage dauern, sagte Dirk Langenberg, stellvertretender Dienststellenleiter der zuständigen Meisterei des Landesbetriebs Straßenbau in Solingen: “Ich muss erst die Markierungsfirma beauftragen.” Bei dem derzeitigen Wetter sei die Sache jedoch etwas problematisch: “Unter zehn Grad und bei dem feuchten Wetter geben die Firmen keine Gewährleistung. Und die Markierung soll ja ordentlich gemacht werden.” Zudem müsse er sich die Situation vor Ort noch genau angucken. Vermutlich kommende Woche, so Langenberg, “können wir das mit der Markierung hinkriegen.” Für die Anwohner bleibt die Hoffnung, dass die halbjährige Testphase die gleichen Ergebnisse bringt, die bei den Messungen zuvor der Anlass für die Vollsperrung waren. Die Stadt wird in unregelmäßigen Abständen ihr Messgerät aufstellen, das Anzahl, Art, Tempo und Fahrtrichtung der Fahrzeuge erfasst. Ende des Jahres will der Rat erneut diskutieren. Und dann könnte das ewige Hin und Her um das kleine Teilstück der Weststraße womöglich wieder um einen Rückschritt voranschreiten.

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